Skin Picking: Zwanghafte Selbstschädigung der Haut

14. März 2019

7 Min.

Sich gelegentlich zu kratzen oder auch mal einen Pickel auszudrücken, ist völlig normal. Einige Menschen knibbeln, zupfen, quetschen oder reiben jedoch zwanghaft an ihrer Haut herum. Dabei fügen sie sich nicht selten sichtbare Verletzungen zu. Dermatillomanie, wie Skin Picking unter Experten genannt wird, ist eine psychische Erkrankung aus dem Spektrum der Zwangsstörungen. Wird sie richtig diagnostiziert, gibt es erfolgversprechende Behandlungsmöglichkeiten. Erfahren Sie hier mehr über Skin Picking und wie es sich Betroffene abgewöhnen können.

Frau, deren Lippen aufgrund von Skin picking stark verletzt sind.

Die Skin Picking Disorder lässt sich nicht leicht diagnostizieren

Der Begriff „Disorder“ wird in der Medizin häufig anstelle des deutschen Wortes „Störung“ verwendet. Die Grenzen zwischen schlechter Angewohnheit und Zwangsstörung lassen sich allerdings nur schwer ziehen. Wer unreine Haut hat und hin und wieder abends vor dem Spiegel Mitesser oder Pickel ausquetscht, tut seiner Haut zwar keinen Gefallen, leidet aber deshalb nicht gleich an Dermatillomanie.

Von einer Skin Picking Disorder sprechen Ärzte in der Regel bei folgenden Merkmalen:

  • Die Zwangsstörung liegt vor, wenn die Kontrolle über das Verhalten verloren geht, das heißt, Betroffene können das Knibbeln trotz bester Vorsätze nicht unterlassen. Skin Picking lässt sich also nicht ohne weiteres abgewöhnen.
  • Das Ziel sind meist störende Hautstellen, wie Pickel, Mitesser, Warzen oder andere Unebenheiten beziehungsweise Unreinheiten, die mit den Fingernägeln, Zähnen oder scharfen Utensilien (zum Beispiel Pinzette, Nadel) bearbeitet werden.
  • Es kommt zu schweren Hautschäden mit Blutungen, Entzündungen und Narben.
  • Schamgefühle über den Kontrollverlust und die dadurch verursachten Verletzungen belasten soziale Beziehungen. Die Betroffenen ziehen sich zunehmend aus ihrem Umfeld zurück.

Skin Picking kann unbewusst oder bewusst erfolgen. Im letzteren Fall, wird der Drang zu Knibbeln heimlich, meist als ein Ritual, ausgelebt. Hilfe eröffnet sich den Betroffenen nur dann, wenn sie von sich aus einen Arzt aufsuchen. Der Hausarzt ist für die meisten Menschen der erste Ansprechpartner, der die Diagnose vor dem Hintergrund der bisherigen Krankheitsgeschichte stellt und die Behandlung gemeinsam mit anderen Spezialisten koordiniert.

Für die Behandlung von Dermatillomanie werden für gewöhnlich ein Hautarzt und ein Psychologe hinzugezogen. Der Hautarzt versorgt die Wunden fachgerecht und klärt eventuell vorliegende Hautprobleme ab. Ein Psychologe geht den Ursachen für Skin Picking auf den Grund und entwickelt individuelle Maßnahmen zum Abgewöhnen. Wer noch nie zuvor in psychologischer Behandlung war, empfindet anfangs meist etwas Scheu. Diese ist jedoch unbegründet. Der Psychologe eröffnet seinen Patienten die Gelegenheit, die der Zwangsstörung zugrundeliegenden Verhaltensmuster selbst zu erkennen und dadurch leichter zu durchbrechen.

Die Ursachen für Skin Picking sind noch nicht vollständig geklärt

Skin Picking beginnt häufig im Jugendalter, aber auch Erwachsene können Dermatillomanie entwickeln. Die meisten Patienten sind Frauen, was jedoch nicht automatisch bedeutet, dass Männer seltener daran leiden. Möglicherweise begeben sie sich nur seltener in Behandlung – denn generell ist die Dunkelziffer der Erkrankung sehr hoch. Betroffenen ist ihr zwanghaftes Verhalten sowie die Wunden, die sie sich dabei zufügen, meist peinlich, weil sie sie selbst als Charakterschwäche auslegen. Vielen ist nicht bewusst, dass die Skin Picking Disorder eine Krankheit ist, für die es erfolgversprechende Therapien gibt. Das macht die Ursachenforschung nicht leichter.

Ein möglicher Auslöser ist Stress. Viele Menschen empfinden leichtes Kratzen oder Pulen an der Haut als beruhigend. Was als Mechanismus zum Stressabbau beginnt, entwickelt sich bei manchen Personen schleichend zu einer Zwangsstörung.

Ein weiterer Faktor ist das gesellschaftliche Schönheitsideal. Der Wunsch nach perfekter Haut veranlasst viele zu intensiven Reinigungs- und Pflegeritualen. Kleinste Makel werden bereits als störend empfunden und verleiten zum Skin Picking. Dass sich das Hautbild durch das Ausquetschen von Pickeln verschlechtert, weil in die entstandenen Verletzungen leicht Schmutz eindringt, der Entzündungen hervorrufen kann, ist leider keine ausreichende Abschreckung.

Wer an einer Skin Picking Disorder leidet, steckt nämlich häufig in einem Teufelskreis fest: Das Knibbeln an der Haut weckt zunächst ein Gefühl der Befriedigung. Die Schmerzrezeptoren werden blockiert, wodurch sich die Hürde, sich selbst tiefe Hautverletzungen hinzuzufügen, verringert. Nach dem Ritual stellt sich Scham über den Kontrollverlust ein. Das steigende Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit öffnet ein Tor für wiederholtes Skin Picking.

Skin Picking abgewöhnen: So kann es gelingen

Je früher Betroffene erkennen, dass sie an Dermatillomanie leiden, desto größer ist die Chance, die Zwangsstörung dauerhaft zu überwinden. Eine wichtige Voraussetzung ist die Fähigkeit zur Selbstbeobachtung. Welche Situationen lösen Skin Picking aus? Anschließend gilt es, diese konsequent zu meiden.

Es ist darüber hinaus auch ratsam, einen Psychologen um Hilfe zu bitten. Durch eine gezielte Verhaltenstherapie lassen sich Denken und Handeln nachhaltig verändern. Patienten lernen Methoden zum Umgang mit Auslöser-Situationen. Meist beinhaltet das die Entwicklung alternativer Handlungsmuster, also spezieller Aktionen, die jedes Mal ausgeführt werden, wenn der Drang zu Kratzen überhandnimmt. Das kann Spielen mit Qi-Gong-Kugeln sein, ein sanftes Gesichtspeeling oder auch ein Hobby, das sich überall hin mitnehmen lässt und Konzentration erfordert, wie beispielsweise Stricken. Auch wenn das zunächst einfach klingt, die Unterstützung, die ein Psychologe dabei bietet, sollte nicht unterschätzt werden. Je besser die Verhaltenstherapie auf die individuellen Umstände des Patienten zugeschnitten ist, desto größer sind die Heilungschancen.

Praktische Tipps zum Skin Picking abgewöhnen:

  • Wann immer die Versuchung zum Skin Picking aufkommt, ballen Sie Ihre Hände zu Fäusten oder setzen Sie sich auf Ihre Hände.
  • Halten Sie sich viel in öffentlichen Räumen auf und sorgen Sie auch sonst für Gesellschaft, die Sie von Ihrer Fokussierung auf die Haut ablenkt.
  • Nehmen Sie die Spiegel in Ihrer Wohnung ab oder dimmen Sie das Licht, damit Ihnen nicht jede Unvollkommenheit sofort ins Auge springt.
  • Hängen Sie Fotos von sich auf, auf denen Sie sich schön finden, um Ihr Selbstwertgefühl zu steigern.

Bislang gibt es kein spezielles Medikament gegen Dermatillomanie. Untersuchungen legen jedoch nahe, dass bei Menschen mit Skin Picking Disorder der Serotonin-Haushalt gestört sein könnte. Ein Mangel an diesem Glücksbotenstoff macht anfälliger für Zwangshandlungen wie Skin Picking. Eine mögliche medikamentöse Therapie stellen deshalb Antidepressiva (Medikamente zu Behandlung von Depressionen) dar, die darauf abzielen, den Serotonin-Haushalt wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Peggy Richter
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Freiberufliche Redakteurin