Windpocken — Kinderkrankheit mit Langzeitwirkung

28. Mai 2019

8 Min.

Windpocken zählen zwar genau wie Masern oder Röteln zu den typischen Kinderkrankheiten, dennoch sind sie nicht harmlos. Das sogenannte Varizella-Zoster-Virus löst die höchst ansteckende Infektionskrankheit aus. Typisch für den Verlauf der Windpocken (Varizellen) ist ein unangenehm juckender Hautausschlag mit sekrethaltigen Bläschen, der sich am gesamten Körper ausbreitet. Werden Erwachsene, insbesondere Schwangere, damit infiziert, kann dies zu ernsten Komplikationen führen.

Kleines Mädchen wird gegen Windpocken geimpft.


Im Überblick:

Ansteckung mit Windpocken: „Spielend leicht“

Am häufigsten erkranken Kindergarten- oder Schulkinder an Windpocken.1 Gerade beim Spielen kommen sie einander sehr nahe – eine ideale Voraussetzung, um sich mit Krankheitserregern anzustecken.

Die Infizierung mit dem sogenannten Varizella-Zoster-Virus, der zur Familie der Herpes-Viren zählt, ist für den Ausbruch der Windpocken verantwortlich. In erster Linie geschieht die Infizierung über den Luftweg, indem virushaltige Tröpfchen von Erkrankten durch

  • Sprechen,
  • Niesen oder
  • Husten

ausgeschieden und von Gesunden eingeatmet werden (Tröpfcheninfektion).

Daher kommt übrigens auch der Name „Windpocken“ – sie werden buchstäblich mit dem „Wind“ übertragen. Selbst bei mehreren Metern Abstand zu infizierten Personen ist eine Ansteckung möglich. Doch auch das Sekret der Varizellen-Bläschen ist stark infektiös (mit Krankheitserregern behaftet) und kann bei direktem Körperkontakt per Schmierinfektion (körperliche Berührung) zu einem Ausbruch der Krankheit führen.

Inkubationszeit bei Windpocken

Die Inkubationszeit ist der Zeitraum zwischen der Ansteckung und dem Ausbruch (Auftreten der Symptome) einer Erkrankung. Bei Windpocken beziehungsweise Varizellen liegt sie bei etwa 14 bis 16 Tagen (seltener auch bei 8 bis 21 Tagen).1 Noch während der Inkubationszeit, 1 bis 2 Tage vor dem Auftreten des typischen Ausschlags, können die Windpocken bereits auf andere Menschen übertragen werden.2 Die Ansteckungsgefahr endet, wenn alle Bläschen verkrustet sind. Meist passiert das circa 5 bis 7 Tage nach Beginn des Ausschlags.3

Wer einmal in seinem Leben Windpocken hatte, ist häufig auf Lebenszeit immun (unempfänglich für einen speziellen Krankheitserreger) gegen eine weitere Ansteckung. Ein zweites Mal stecken sich in der Regel nur Menschen an, bei denen die erste Infektion sehr schwach verlief.

Allerdings steigt das Risiko im weiteren Leben an einer Gürtelrose (Herpes Zoster) zu leiden, wenn Sie bereits Windpocken hatten. Grund dafür ist die Tatsache, dass die Erreger auch nach überstandener Erkrankung in den Nervenzellen verbleiben und im Laufe der Jahre erneut aktiviert werden können – eine Gürtelrose ist die Folge. Diese bringt einen brennenden Hautausschlag um den Rumpf mit sich und kann in schweren Fällen durch eine Verbreitung der Viren im Körper zu Sehstörungen, Lähmungen der Gesichtsmuskulatur oder Entzündungen des Gehirns führen.

Juckende Bläschen am ganzen Körper? Symptome von Windpocken

Kommt es zu einer Infizierung mit den Windpocken auslösenden Viren, treten vorerst uncharakteristische Symptome wie

Windpocken Ausschlag auf der Haut
Windpocken sind zunächst hellrote Knötchen, die sich zu flüssigkeitsgefüllten Bläschen weiterentwickeln. Nach einigen Tagen platzen diese auf und verkrusten.
  • Erschöpfung,
  • Unwohlsein und
  • Kopfschmerzen auf.

Im Anschluss an diese Krankheitszeichen entsteht ein juckender Hautausschlag. Dieser zeigt sich zunächst in Form von hellroten Knötchen, die sich dann jedoch innerhalb von kürzester Zeit (wenige Stunden) weiterentwickeln zu flüssigkeitsgefüllten Bläschen, etwa in der Größe von Linsen.4 Nicht nur der Körper, auch die Kopfhaut und die Schleimhäute von Mund sowie Genitalien können betroffen sein. Nach 3 bis 5 Tagen platzen die wie rote Flecken aussehenden Bläschen nacheinander auf und heilen unter Krustenbildung ab.1

Typisch für den Windpocken-Hautausschlag ist, dass verschiedene Stadien der Bläschenentwicklung gleichzeitig auftreten. So sind beispielsweise hellrote, flüssigkeitsgefüllte Knötchen direkt neben bereits abheilenden Krusten zu finden.

Während die Windpocken bei Kindern relativ harmlos verlaufen, führen sie bei Erwachsenen häufig zu schweren Komplikationen. Der Hautausschlag ist wesentlich intensiver, dauert länger an und auch hohes Fieber kann auftreten. Zudem besteht die Gefahr, an einer Lungen- oder Hirnhautentzündung zu erkranken.

Risiken für Schwangere und Babys

Bekommt eine Frau während der Schwangerschaft Windpocken, ist das kritisch. Der mütterliche Organismus hat nicht genügend Zeit, Antikörper zu bilden und der Säugling besitzt noch keine eigene Immunabwehr. Es besteht deshalb die Möglichkeit, dass die Erreger über die Plazenta auf den Embryo übergehen. Gerade während der ersten fünf Monate einer Schwangerschaft kommt es dadurch möglicherweise zu schweren Fehlbildungen oder einen lebensbedrohlichen Verlauf für das ungeborene Kind.5

Hat eine Frau vor der Schwangerschaft bereits Windpocken durchlebt oder eine Impfung erhalten, besitzt sie Antikörper gegen das Varizella-Zoster-Virus. Diese werden auf ihr Kind übertragen (Nestschutz) und bewahren es so vor einer Windpockeninfektion in den ersten Lebensmonaten.1

So erfolgt die Behandlung von Windpocken

Da Windpocken bei Kindern in der Regel unproblematisch verlaufen, beschränkt sich die Behandlung im Normalfall auf die Linderung des Juckreizes. Der Arzt verordnet hierbei oftmals juckreizstillende und desinfizierende Puder sowie Lotionen – zum Beispiel mit Zink als Wirkstoff – die auf die Bläschen aufgetragen werden. Das besondere an Zink: Es trocknet die Pusteln aus und verhilft so zu einer schnelleren Heilung.

Kommt es zu einem schweren Krankheitsverlauf bei Erwachsenen, verschreibt der Mediziner zusätzlich im Rahmen der Therapie sogenannte Virostatika. Diese Arzneien hemmen die Viren in ihrer Vermehrung und können die Krankheitsdauer verkürzen.

Wichtig zu wissen: Hausmittel bei juckender Haut

Das Kratzen an den Bläschen sollte nach Möglichkeit vermieden werden, da sich sonst unter Umständen Narben auf der Haut bilden. Zudem ist das Entstehen von schmerzhaften Hautentzündungen nicht ausgeschlossen.

Helfen können neben den ärztlich verordneten Lotionen auch Hausmittel, wie kühlende Kompressen, die auf die juckenden Hautareale gelegt werden. Zudem bietet sich das Kurzschneiden der Fingernägel an, um das Verletzungsrisiko durch Kratzen zu minimieren. Lockere Kleidung verhindert außerdem zusätzliche Schmerzen durch Reibung mit dem Stoff.

Erkrankte sollten in der Ansteckungsphase möglichst nicht mit anderen Menschen in Berührung kommen — dies gilt insbesondere für Risikogruppen wie schwangere Frauen oder Neugeborene. Aber auch für immungeschwächte Personen (beispielsweise während einer Krebstherapie) kann eine Infektion mit Windpocken einen dramatischen Fortgang nehmen.

Kommt es doch zum Kontakt, werden dem Risikopatienten Antikörper vom Arzt verabreicht, um den Ausbruch der Windpocken zu unterdrücken oder deren Verlauf abzuschwächen (passive Immunisierung). Diese Behandlung bietet jedoch keine absolute Sicherheit. Aus diesem Grund spielt die von der Ständigen Impfkommission (STIKO) des Robert Koch Instituts empfohlene Impfung zur Vorbeugung von Windpocken eine große Rolle.

Diagnostiziert der Mediziner Varizellen oder vermutet er eine Windpockenerkrankung, so ist er laut deutschen Infektionsschutzgesetz verpflichtet, diese an das zuständige Gesundheitsamt zu melden. Durch die Meldepflicht können für gefährdete Personen (Risikopatienten) schnellstmöglich vorbeugende Maßnahmen eingeleitet werden.

Wie wichtig ist eine Impfung gegen Windpocken?

Zum Schutz vor den Folgen dieser Infektionskrankheit empfiehlt die STIKO eine Windpocken-Impfung, auch wenn diese eine Infektion nicht zu 100 Prozent ausschließen kann. Die Impfung erfolgt als aktive Immunisierung, was bedeutet, dass der Organismus dazu angeregt wird, selbstständig Antikörper zu bilden. Hierfür beinhaltet das Impfserum abgeschwächte, nicht ansteckungsfähige Varizella-Zoster-Viren.

Angeraten ist die Schutzimpfung für alle Kinder und Jugendliche. Gemäß der aktuellen Empfehlung erfolgt die

  1. Dosis im Alter von 11 bis 14 Monaten und die
  2. Dosis im Alter von 15 bis 23 Monaten.1

Der Mindestabstand zwischen diesen beiden Impfungen muss 4 bis 6 Wochen betragen.1 Bei bereits älteren, ungeimpften Kindern, sollte die Impfung gegen Windpocken sobald wie möglich nachgeholt werden.

Auch für folgende Personengruppen kann der Impfschutz sinnvoll sein:

  • Frauen mit Kinderwunsch, die bisher noch nicht an Windpocken erkrankt waren oder laut Antikörper-Test keine ausreichende Menge Antikörper gegen Windpocken besitzen.
  • Menschen vor einer Organtransplantation oder anderen Behandlungen, bei denen die körpereigene Abwehr medikamentös unterdrückt werden muss.
  • Betroffene, die aufgrund einer Krankheit (zum Beispiel einer HIV-Infektion) über ein geschwächtes Immunsystem verfügen.
  • Patienten mit schwerer Neurodermitis.
  • Berufsgruppen, deren Risiko mit Erkrankten in Kontakt zu kommen, erhöht ist (zum Beispiel Ärzte, Pflegepersonal oder Kinderbetreuer) und die das Varizella-Zoster-Virus auf Risikopatienten übertragen könnten.

Grundsätzlich gilt: Meiden Sie generell den Kontakt mit Erkrankten, wenn Sie keinen ausreichenden Impfschutz haben oder noch nie von Windpocken betroffen waren. So schützen Sie nicht nur sich selbst vor einer Infektion, sondern auch andere Menschen, deren Immunsystem zu schwach ist, um sich selbstständig gegen den Virus zu wehren.

Windpocken-Partys

Unter einigen Eltern herrscht die Meinung, dass es für die Ausbildung des kindlichen Immunsystems vorteilhaft sein könnte, möglichst alle Kinderkrankheiten durchlebt zu haben. Daher veranstalten sie sogenannte Masern- oder Windpockenpartys. Hierbei werden gesunde Kinder absichtlich mit erkrankten Kindern zusammengebracht, um so eine Übertragung zu provozieren.

Von dieser Methode sollte bei Masern wie auch bei Windpocken dringend abgeraten werden. Zwar sind schwere Verläufe im Kindesalter selten, jedoch nicht ausgeschlossen. Zudem besteht das Risiko, dass infizierte Kinder dann werdende Mütter, chronisch Erkrankte oder beispielsweise immungeschwächte Krebspatienten anstecken, für die diese Krankheiten schwerwiegende Folgen haben können.

Pauline Zäh
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Jana Welsner
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