Die Neugeborenengelbsucht: Was steckt dahinter?

14. März 2019

7 Min.

Über die Hälfte aller Neugeborenen ist in den ersten Lebenstagen von einer Neugeborenengelbsucht (auch Neugeborenenikterus oder Ikterus neonatorum) betroffen.1 Verursacht wird diese Hauterscheinung in der Regel durch eine Anpassungsstörung der Leber, die bis zu einem gewissen Grad völlig ungefährlich ist und auch keiner Behandlung bedarf. Liegen der Neugeborenengelbsucht jedoch andere Ursachen zugrunde oder zeigt sie sich besonders stark ausgeprägt, ist ärztliches Handeln dringend erforderlich. Nur so lassen sich körperliche Schäden vermeiden. Lesen Sie hier, ab welchem Zeitpunkt eine Therapie eingeleitet werden sollte.

Baby mit leicht gelber Haut aufgrund einer Neugeborenengelbsucht.

Symptome einer Neugeborenengelbsucht:

Die besonders typischen Krankheitszeichen haben der Neugeborenengelbsucht ihren Namen verliehen. Betroffene Kinder weisen folgende Merkmale auf:

  • gelbe Verfärbung von Haut, Schleimhäuten und Augäpfeln
  • Braunfärbung des Urins
  • heller Stuhl

Bei einem besonders schweren Verlauf können sich zudem auch Apathie und Trinkschwäche zeigen.

So kommt es zur Gelbfärbung der Haut (Ikterus)

Verfärbt sich die Haut eines Kindes oder Erwachsenen gelb, geschieht dies meist aufgrund von Beeinträchtigungen der Leberfunktion. Dies können harmlose Anpassungsstörungen nach der Geburt sein, aber auch Lebererkrankungen wie beispielsweise eine Entzündung (Hepatitis).

Die Leber ist für gewöhnlich dafür zuständig, den gelben Blutfarbstoff Bilirubin — der beim Abbau nicht mehr benötigter Blutbestandteile (Erythrozyten) entsteht — über die Galle und auszuscheiden. Ist die Leberfunktion gestört, verbleibt das Bilirubin im Körper und lagert sich im Gewebe an. Es kommt zur typischen Gelbfärbung von Haut, Schleimhäuten und Augen.

Bei etwa 60 Prozent aller Säuglinge entwickelt sich die Neugeborenengelbsucht aufgrund einer leichten Anpassungsstörung der Leber.2 In den ersten Lebenstagen ist das Organ oftmals noch unzureichend ausgereift und zunächst nicht in der Lage, große Mengen an Bilirubin zeitnah zu verarbeiten. Kurz nach der Geburt werden im kindlichen Organismus jedoch natürlicherweise vermehrt Erythrozyten abgebaut, wodurch besonders viel gelbes Bilirubin anfällt. Dieses wird dann im Gewebe zwischengespeichert, bis die Leber in der Lage ist, es vollständig auszuscheiden.

So lange hält die Neugeborenengelbsucht an:

In den meisten Fällen zeigt sich die Gelbfärbung am zweiten oder dritten Lebenstag und erreicht ihren Höhepunkt an Tag fünf. Nach etwa 10 bis 15 Tagen ist das Bilirubin so weit abgebaut, dass der Neugeborenenikterus wieder verschwindet.1

Bei besonders ausgeprägten Anpassungsstörungen oder schwereren Erkrankungen der Leber ist es möglich, dass im Körper immer mehr Bilirubin entsteht. Dieses lagert sich dann – aufgrund der großen Menge – zusätzlich zu Haut, Schleimhäuten und Augen auch in den Gehirnzellen an (Kernikterus). Dort kann es zu Hirnschäden (Bilirubin-Enzephalopathie) oder sogar zum Tod führen. Kinder, bei denen zusätzlich zur Gelbfärbung der Haut auch starke Trinkunlust oder Teilnahmslosigkeit auftreten, müssen in jedem Fall ärztlich überwacht und gegebenenfalls behandelt werden. Nur so können Folgeschäden vermieden werden.

Diagnose und Therapie des Neugeborenenikterus

Erfahrenen Ärzten und Hebammen reicht für die Diagnosestellung in der Regel der gelbliche Hautton des Kindes aus. Um jedoch eine gesicherte Auskunft über die Ausprägung der Neugeborenengelbsucht geben zu können, ist es nötig, den Bilirubingehalt im Blut zu bestimmten. Viele Kliniken verwenden hierbei anstelle von Blutentnahmen zunächst spezielle Hauttests (transkutane Bilirubinmessung). Mit Hilfe eines Gerätes, das die Lichtreflektion der Haut misst, wird der Ikterus so nachgewiesen. Bei einer stark ausgeprägten Gelbsucht greifen Ärzte zur Ermittlung der exakten Werte in der Regel jedoch auf einen Bluttest zurück.

Ein leichter Neugeborenenikterus bleibt für gewöhnlich unbehandelt, da der kindliche Organismus den überschüssigen gelben Blutfarbstoff mit der Zeit ganz von allein abbaut. Ab einem Grenzwert von etwa 18 Milligramm Bilirubin pro Deziliter Blut wird jedoch eine Therapie eingeleitet.1 Bei folgenden Risikofaktoren erfolgt die Behandlung meist sogar schon vor Erreichen dieses Blutwertes, da die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten einer schweren Gelbsucht größer ist:

  • Frühgeburtlichkeit
  • Sauerstoffmangel unter der Geburt
  • Infektionen

Als erste Maßnahme leitet der Arzt in der Regel eine mehrtägige Phototherapie ein. Hierbei wird das nackte Baby mit blauem Licht (kein UV-Licht) bestrahlt, welches dafür sorgt, dass das Bilirubin in der Haut in eine wasserlösliche Substanz umgewandelt wird. Diese kann dann mit dem Urin ausgeschieden werden. Während der Behandlung muss der Säugling eine Schutzmaske tragen, um die empfindliche Netzhaut der Augen nicht zu beschädigen. Zudem sollte die Windel möglichst klein sein, damit das Blaulicht so viel Haut wie möglich bestrahlen kann.

In seltenen, besonders schweren Fällen einer Neugeborenengelbsucht, kann sogar ein Blutaustausch notwendig werden. Hierbei wird ein Teil des Blutes mit erhöhten Bilirubinwerten gegen gesundes Fremdblut ausgetauscht.

Was hilft noch?

Das Baby sollte regelmäßig und häufig zum Trinken angeregt werden. Je besser Verdauung und Stoffwechsel arbeiten, desto mehr Bilirubin kann ausgeschieden werden.

Stillen und Neugeborenengelbsucht: Der Zusammenhang

Gestillte Säuglinge weisen in vielen Fällen höhere Bilirubinwerte auf, als Kinder, die mit Fertignahrung gefüttert werden. Zudem halten die Symptome des Neugeborenenikterus länger an.3 Als Ursache hierfür vermuten Wissenschaftler, dass einige Inhaltsstoffe der Fertignahrung die vermehrte Ausscheidung von Bilirubin begünstigen. Weitere Theorien beziehen sich auf eine mangelnde Stilltechnik. Erhält das Kind zu wenig Nahrung, weil es nicht oft genug an die Brust gelegt wird oder nicht richtig trinkt, verlangsamt sich der Verdauungsprozess. Das über die Galle in den Dünndarm abgegebene Bilirubin verweilt dann zu lange im Darmtrakt und wird rückresorbiert, also wieder in den Blutkreislauf aufgenommen.

Trotzdem gilt: Eine Neugeborenengelbsucht ist kein Grund, um abzustillen. Sie ist ein natürlicher Prozess, der normalerweise vom kindlichen Organismus selbst gesteuert wird und keine Nachteile für das Baby bringt. Häufiges Anlegen bei Tag und Nacht fördert die Milchproduktion und regt die Verdauung des Säuglings an. Das wiederum wirkt dem Ikterus entgegen. Bei Fragen zur richtigen Stilltechnik sind vor allem Hebammen die geeigneten Ansprechpartner.

Jana Welsner
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Medizinredakteurin und Lebensmitteltechnologin